Erleichtert sitze ich auf einem der aneinandergereihten Holzsitze und richte meinen Blick auf den blühenden Kastanienbaum in der Ferne. Der Baum ist für die Gäste des Parks wahrlich eine Augenweide. Aufrecht stehend wie Kerzen am Weihnachtsbaum schmückt ihn seine weiße Blütenpracht.
Ich war bereits am späten Nachmittag hier im Park, den ich vor wenigen Wochen, unweit meines jetztigen Zuhauses, entdeckte.

Und bin noch einmal zurückgekehrt, vergaß ich doch meine Thermoskanne. Scheinbar ist sie vom Sitz gerollt und geräuschlos im hohen Gras gelandet. Dankbar verweile ich.
Eine Dame läuft des Weges. Sie ist schlank, hochgewachsen. Ihr lockiges Haar ist von schlohweißer Farbe, im modernen Bob geschnitten reicht es bis über ihre Ohren. Ihr Gesicht ist sonnengebräunt und etliche Haut,- Mimik,- und Lachfalten zeugen von einem reifen Alter. Ebenso wie der Baum strahlt sie eine gewisse Anmut aus. Sie spricht mich an und scheint genauso glücklich über dieses schöne Fleckchen Erde wie ich zu sein. Ich erfahre, dass sie unmittelbar am Park wohnt. Plötzlich und unvermittelt sagt sie: " Ich bin 1934 geboren." Ah... sogleich denke ich wehmütig an meine Eltern. Beide sind 1930 geboren und verließen vor 14 und 12 Jahren diese Welt. Dann ist die Dame jetzt 92 Jahre groß ( so werden bei den Mayas die Ältesten einer Familie genannt)
Ehrfurchstvoll schaue ich zu ihr hoch. Ein langer Lebensweg liegt bereits hinter ihr. Im weiteren Gespräch erfahre ich, dass sie primär als Lehrerin arbeitete, später hielt sie sich als Künstlerin häufig im Ausland auf. Dann wird es kühl und wir verabschieden uns freundlich voneinander.
Nur einen Tag später begegne ich ihr erneut. Sie erinnert sich nicht. Und wieder sagt sie: " ich bin 1934 geboren.....Wie alt bin ich dann ?" Mit einem wachen und auch fragendem Blick schaut sie mich aus ihren braunen Augen an und ich antworte:" Sie sind 92 Jahre alt ." Ein hohes und stolzes Alter. Auf wieviele Geschichten, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse mag sie wohl zurückblicken. Wir setzten unsere erfrischende und muntere Plauderei von gestern fort.
Erst später stelle ich mir die Frage: Was bleibt, wenn wir eines Tages hinübergehen, zurückkehren in unsere geistige Heimat ? Wieviele Samen haben wir gesät.? Welche Samen zum Erblühen gebracht ? Welche Früchte reiften und standen zur Ernte bereit? Ist es nicht genau die Essenz daraus, die wir mitnehmen, wenn wir gehen ? Die Früchte unseres Lebens, die gleichzeitig auch die Samen für neue Früchte enthalten.
